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Rechts gegen Rechts: Bild: EXIT-Deutschland

Nazis gegen Nazis: So wurde der unfreiwillige Spendenlauf zum Fundraising-Erfolg

In dem kleinen Städtchen Wunsiedel im Fichtelgebirge demonstrieren Jahr für Jahr Nazis. Wenn man sie davon nicht abhalten kann, ist es dann möglich, die Nazidemo für etwas Sinnvolles zu nutzen? EXIT-Deutschland, die ausstiegswillige Nazis unterstützen, die rechte Szene zu verlassen, hat mit der Aktion „Nazis gegen Nazis“ genau das getan: Der Aufmarsch wurde als  Spendenlauf inszeniert. Für jeden Meter, den die Nazis marschierten, wurden zehn Euro an das Aussteigerprogramm gespendet. Die Aktion ging viral durch die Decke, schlug medial ein wie ein Bombe – und wurde ein großer Fundraising-Erfolg.

Wie haben sie das geschafft? Fünf Fragen an Fabian Wichmann.

 

Glückwunsch zu der tollen Aktion! Wie bist du auf die Idee gekommen?

Fabian Wichmann: 2011 haben wir eine Aktion auf einem Rechtsrock-Festival gemacht, wo wir T-Shirts verteilt haben, die sich anschließend als „trojanische Pferde“ entpuppten. Das hat uns damals große öffentliche Aufmerksamkeit gebracht und für Bekanntheit unter ausstiegswilligen Rechten gesorgt. Danach kam uns irgendwann die Idee mit dem Spendenlauf, um die Ziele der marschierenden Nazis zu dekonstruieren und ins Gegenteil zu wenden. Wir ändern die Spielregeln: Aus einer Nazidemo wird ein Spendenlauf für den Ausstieg aus der Naziszene.

 

Wie viel Zeit habt ihr zur Umsetzung benötigt?

Seit die Idee 2011 geboren wurde ist die Umsetzung an fehlendem Geld und Zeit gescheitert. „Schöne Idee, schaffen wir aber gerade nicht“, hieß es immer. Dieses Jahr war uns dann klar: Wenn wir es jetzt nicht anpacken werden wir es nie machen. Mit unserer langjährigen Agentur, die in diesem Fall pro bono für uns gearbeitet hat, haben wir dann ein Konzept ausgearbeitet. Diese eigentliche Arbeit hat acht Wochen gedauert: Einwerben der Spenden, Erstellen der Webseite und Banner und Schilder für die Demo in Wunsiedel.

 

Vielen Campaignern geht es so: Da ist eine super Idee, es fehlt aber das Geld. Ihr musstet vorab 10.000 Euro aufbringen. Wie habt ihr das geschafft?

Die 10.000 Euro für den Nazi-Spendenlauf zusammen zu bekommen war für uns die größte Herausforderung. Das Geld haben wir bei Bürger*innen, Geschäftsleuten und Unternehmen aus Wunsiedel gesammelt, außerdem hatten wir auch ein paar Großspender, die uns bereits in der Vergangenheit unterstützt haben und denen die Idee gefallen hat. Bis eine Woche vor der Nazi-Demo hatten wir das Geld noch nicht vollständig zusammen und fürchteten schon, die ganze Aktion abblasen zu müssen. Zum Glück haben wir es hinbekommen, auch weil die Sachmittelkosten, z.B. für den Druck der Banner, von Partnerorganisationen wie dem DGB und dem Bündnis für Demokratie und Toleranz übernommen wurden.

 

Was hat die Aktion gebracht?

Wir haben ein unglaubliches Medienecho bekommen, das uns wirklich umgehauen hat. In 64 Ländern weltweit wurde über uns berichtet. Es gab in Deutschland eigentlich keine Zeitung, die nicht über den unfreiwilligen Spendenlauf der Nazis in Wunsiedel berichtet hat.

Wir haben insgesamt 20.000 Euro Spenden erhalten: 10.000 Euro, die wir bereits vor der Demo gesammelt haben und noch einmal 10.000 Euro, die uns anschließend durch die Berichterstattung  erreichten. Das Lustige ist rückblickend, dass wir das Fundraising-Potential der Aktion vorher nicht gesehen haben. Wir wollten Aufmerksamkeit für unser Anliegen und unsere Arbeit erzeugen und  haben die Aktion nicht als Fundraising-Maßnahme geplant. Dass wir das Spendenaufkommen verdoppelt haben, hat uns natürlich sehr gefreut.

Außerdem melden sich jetzt viele Leute bei uns, die diese Aktion in ihren Städten und Gemeinden auch machen wollen. In Stendal, Plauen und Magdeburg wurden seitdem Nazidemos ebenfalls zu  Spendenläufen umgewidmet. Wir bieten auf unserer Webseite mittlerweile Infos, wie die Idee Nachahmer finden kann. Mit den Spenden aus den anderen „Nazis gegen Nazis“-Aktionen sind inzwischen etwa 40.000 Euro zusammengekommen – für unser Aussteigerprogramm aber auch für andere Initiativen und Projekte.

 

Was würdest du beim nächsten Mal anders machen? Welchen Rat würdest du anderen geben?

Bei der konkreten Planung und Umsetzung des Spendenlaufs sind wegen des Zeitdrucks ein paar Dinge auf der Strecke geblieben was Details der Inszenierung betraf. Wir waren außerdem nicht ausreichend auf die enorme mediale Resonanz vorbereitet: Unsere Social Media-Wall ist zeitweise wegen der vielen Zugriffe zusammengebrochen.

Das Erfolgsgeheimnis von „Nazis gegen Nazis“ ist, dass wir uns getraut haben, in unserer Öffentlichkeitsarbeit neue Wege zu gehen. Die Verknüpfung unserer Kommunikationskanäle Webseite, Youtube-Kanal, Twitter und Facebook war zentral für die virale Verbreitung. Außerdem war die satirische Herangehensweise an das Thema ein Schlüsselfaktor für den Erfolg, was aber sicher nicht auf alle anderen Themen und Organisationen übertragbar ist.

 

Fabian WichFabian Wichmannmann ist Mitarbeiter des Zentrum Demokratische Kultur in Berlin und ist dort im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und Fallbetreuung tätig. Rechts gegen Rechts sowie Hass Hilft sind von ihm initiierte Aktionen.

 

 

Mehr Infos:

www.rechts-gegen-rechts.de
www.hasshilft.de

 

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