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Buchcover "Einführung in das Campaigning"

Rezension: Einführung in das Campaigning

„Campaigning als Methode ist erlernbar und professionalisierbar,“ schreibt Andreas Graf von Bernstorff im Vorwort seines eben erschienen Taschenbuches „Einführung in das Campaigning“. Es gebe „zu viele Leute, die Kampagnen machen, die nicht zu gewinnen sind und sich darüber wundern, enttäuscht und traurig sind. Deshalb die folgende Anleitung.“ Dass das zweite Zitat erst auf Seite 64 (von nur 120 Seiten) steht, verweist auf ein Grundproblem des kurzen und leicht zu lesenden Buches: Es steht viel Richtiges, Wichtiges und Einleuchtendes darin, aber sehr verstreut und scheinbar ungeordnet.

Buchcover "Einführung in das Campaigning"
Fünf sehr unterschiedliche Kapitel reißen zentrale Fragen des Kampagnenmachens an: Auf den ersten 40 Seiten plaudert Bernstorff aus dem Nähkästchen und erzählt von Greenpeace-Kampagnen der 90er Jahre, an denen er mitgewirkt hat. Er erläutert zentrale Kampagnenelemente wie öffentliche Konfliktinszenierung, die Bedeutung der Adressatenwahl oder die Schwierigkeit der richtigen Begriffswahl.

Im zweiten, meines Erachtens stärksten Kapitel dekliniert Bernstorff das Handwerk der Planung durch: Kampagnentypen, Zeitplanung, Dramaturgie, Zieldefinition und das, was heute gerne „power analysis“ genannt wird. Nachdenkenswert fand ich die Diskussion von Relevanz, Interesse und Vermittelbarkeit von Themen.

Co-Autor Fritz Simon wiederholt dann im dritten Abschnitt das Gesagte noch einmal, verpackt es aber in einen wissenschaftlichen Text und betrachtet „Kampagne“ durch eine systemtheoretische Brille. Das kann einem Einführungsbuch nicht schaden, ist aber auch nicht zwingend. Vermutlich ist es eher eine Bedingung des Verlags, der sich selbst als „Verlag für Systemisches“ bezeichnet. Bei der abschließenden Darstellung des westlichen (Ziel, Zweck) vs. chinesischem Strategiedenkens (hangabwärts kämpfen und die Schwerkraft nutzen) war ich zum ersten Mal froh, dass die Kapitel kurz waren.

Unterm Strich hatte ich für 14 Euro mehr erwartet: entweder im Umfang (120 Seiten), in der Aktualität der Beispiele (aus den 90er Jahren) oder in der Fokussierung (wer soll die „Einführung“ lesen? Angehende Praktiker? Theoretiker?). E-Campaigning und Social Media kommen übrigens nur auf der halben Seite vor, auf der Bernstorff begründet, warum beides nicht Teil des Buches sind: Die Grundgesetze des klassischen Campaignings änderten sich durch Internet & Co. nicht, sie müssen „allenfalls angepasst werden“.

Andreas Graf von Bernstorff: Einführung in das Campaigning; Carl-Auer Verlag, ISBN 978-3-89670-831-1, 120 Seiten, 13,95 Euro

One comment

  1. Frank says:

    Hallo,
    mir gefällt die Idee nicht, dass das Wahrheitshandwerk (denn als solches verstehe ich es) des Campaigners durch Entscheidungsregeln, die für den Krieg ausgelegt sind verwässert wird.
    Sun Tzus Strategien sind natürlich richtig und wichtig – für den Krieg. Man mag in Kampagnen einem Feindbild verfallen. Letztlich sind es verfehlte Gedanken, Einstellungen und Werte, die es zu bekämpfen gilt und nicht die Menschen selbst. Nach meinem Empfinden wäre eine Fokussierung auf Sun Tzus Strategien engstirnig und stellt für mich eine menschenbildliche Verirrung dar.
    Allein, ich finde einzig die Vermeidung und die Beilegung von Konflikten ohne Gewalt wie sie selbst Sun Tzu zu Anfang des dritten Kapitels („Das Schwert in der Scheide“) in seinem Buch „Die Kunst des Krieges“ erwähnt für wichtig. Indes, ich halte Sun Tzus Methodik für die Umsetzung solcher Art Kampagnen für ungeeignet.
    Ich meine, dass uns hier Ghandi, Martin Luther King und Thoreau mehr zu sagen haben.
    Ich habe meinen Standpunkt in Form einer Kritik einer anderen Rezension zu Bernstorffs Buch in einem Artikel dargelegt: http://genughaben.de/blog/2012/05/07/kampagnen-und-konflikte/
    Beste Grüße Frank

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