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Der Castor-Protest: wo Social Media und Bürgerjournalismus (noch) an ihre Grenzen stossen

(c) GreenpeaceDie Proteste gegen den Castor-Transport sind spätestens seit Samstag (06.11.2010) das bestimmende Thema in den Medien. Dafür hat auch die große Mobilisierung gesorgt, die seit einigen Wochen on- und offline ablief. Dies wurde unter anderem von Campact (über 70.000 Unterschriften) und avaaz (über 180.000 Unterschriften) mit einem Aufruf gegen die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke flankiert.

Richtig spannend wurde es dann aber zum Protest-Wochenende: würde es den Demonstranten und Campaignern gelingen ihren Protest auch flankierend zu dokumentieren? Wir hatten vor rund eineinhalb Jahren mal eine derartige Liveberichterstattung von einer Demo getestet (siehe den Blogeintrag hier) und dabei festgestellt, dass dies möglich, aber auch aufwändig ist. Doch in eineinhalb Jahren entwickelt sich auch die Technik weiter und gerade internetfähige Handys sind seitdem viel mehr verbreitet als damals.

Zudem boten sich die Proteste gegen den Castor-Transport auch deshalb als Chance für den Bürgerjournalismus (also die Dokumentation durch die Demo-Teilnehmer selbst) an, da im Vorfeld ein überzogener Einsatz der Polizei befürchtet wurde. Und auch, weil die klassischen Medien nur in Ansätzen ihrer Aufgabe nachgekommen sind: Liveübertragungen gab es von dieser Großdemonstration fast gar keine, Sondersendungen wurden ebenfalls nicht gezeigt. Und das bei einem offenbar riesigen Interesse, wie der fortwährende Zusammenbruch des Castor-Live-Tickers auf taz.de oder der privaten (und sehr aktuellen) Webseite castorticker zeigten. Lobend erwähnt werden müssen in diesem Zusammenhang die twitter-Streams von ZDFreporter und (bis Sonntag Abend) ZEITpolitik, die ebenso wie der schon erwähnte taz Ticker zumindest ansatzweise die Lücke der Berichterstattung schlossen.

Doch konnten die Aktivisten und Campaigner eben diese Lücke schliessen? Leider nur teilweise. Es gab einige gute Twitter-Streams (z.B. greenpeace_de oder xquer), aber sehr wenig Original-Stimmen von vor Ort. Stattdessen erfolgten Tausende Re-Tweets aus nicht undeutlichen Quellen, wie auch diese Grafik aufzeigt. Einen Anhaltspunkt wer denn wirklich vor Ort war, gab die Live-Map, die tweets in der Umgebung der Proteste visualisierte – aber ebenfalls häufig überlastet war. Mithin war man angewiesen auf tweets, die auch gleich Bilder, oder besser noch Videos mitlieferten. Doch die groß geplanten Projekte abschaltenTV oder CastorTV lieferten leider kaum brauchbares Material. GraswurzelTV lieferte immerhin gute Dokumentation nach, streamte aber nicht live. Gerade die fehlenden Video-Livestreams sind in diesem Zusammenhang verwunderlich, funktionierten diese bei den Protesten gegen Stuttgart21 hervorragend. Lag es an den teilweise schwachen (und überlasteten) Mobilfunk-Netzen? An der unübersichtlichen Lage vor Ort, die einherging mit vielen Ortswechseln? Oder ist der Castor-Protest an dieser Stelle noch nicht wirklich im Web2.0 angekommen?

Das Radio Freies Wendland streamte immerhin auch ins Internet, aber auch dort gab es oftmals nur verlesene Pressemitteilungen und wenig Live-Reportagen von vor Ort. Dabei hätte sich doch gerade letzteres durch den Einsatz von Tools wie 1000Mikes angeboten. Also alle Chancen für eine gute und zeitgemässe Demo-Berichterstattung vertan? Nein, sicherlich nicht. Zum Einen kann dieser Artikel nur einen Ausschnitt der Web2.0-Aktivitäten rund um den Castor-Transport widergeben und ich habe bestimmt manches übersehen (gerne in den Kommentaren die entsprechenden Links hinterlassen!), zum anderen gibt es einige sehr gute nachträgliche Dokumentationen im Netz, die tagesaktuell gepflegt wurden. Hier ist insbesondere das Greenpeace Online Magazin zu nennen, aber auch das Multimedia-Projekt In A Million Years. Beide zeigen auf was online möglich ist, beide verfügen (offenbar) aber auch über große Budgets. Wie es auch einfach und trotzdem eindrucksvoll geht, zeigen die Nachbarn der österreichischen Zeitung Standard, die mit ihrer Castor-Fotostrecke die „Big Picture“-Idee des Boston Globes kopiert haben.

Fazit: den beteiligten Initiativen und NGOs ist es nur vereinzelt gelungen eine Live-Dokumentation ihrer Proteste zu realisieren. Hier scheinen die klassischen Medien definitiv noch nicht überflüssig zu sein – gerade was das Thema O-Töne und Bewegt-Bild angeht. Im Bereich der Dokumentation werden hingegen die Möglichkeiten des Web2.0 immer besser ausgenutzt. Interessant ist, dass twitter in der Nachrichtenverbreitung (auch unter den Journalisten) bei derartigen Veranstaltungen eine immer größere Bedeutung gewinnt und als Echtzeit-Medium nahezu unschlagbar ist. Welche Tendenzen seht Ihr?

4 comments

  1. Fritz says:

    Bei den Protesten in Stuttgart erledigt die Twitter-Berichterstattung eine eigene Bezugsgruppe. Außerdem gibt es einen semiprofessionellen Live-Streamer mit guter Technik http://fluegel.tv und eine Seite mit Handykameras http://www.cams21.de/ . Ich denke, dass hier dringend ein Technologietransfer in den Norden folgen muss.

    Grüße aus dem x-tausendmal quer-Pressebüro

  2. Hendrik says:

    Gorleben sind eine Schweinerei und es ist einfach bemerkenswert, wieviele Leute fuer ihre Ueberzeugungen diese Tage auf die Strassen und Gleise gehen.

  3. Wendland = niXhandyinternet says:

    Ich habe mich aus beruflichen Gründen vor einigen Wochen mit den Netzabdeckungskarten der Handynetzbetreiber beschäftigt (und dann auch vor Ort nachempfunden).
    3G-Internet ist im gesamten Wendland nur in mäßiger Qualität rund um größere Orte verfügbar. Also eigentlich gar nicht.
    Normales GSM-Netz ist durchschnittlich (also im Vergleich zu Stuttgart: schlecht) zu bekommen. Und bei jedem durchscnittlichen Festival gehen Handynetze in die Knie.
    Im Wendland sind 15.000 Bullizisten, 15.000(?) Demonstrierende und noch viele Medienmenschen plus Bewohner.

    Grassroots-(Live)-Protestberichterstattung kann aber nur erfolgen, wenn auch die Infrastruktur da ist: und das ist sie nicht. „Bauern-DSL“ heißt es oft, wenn im unteren Möglichkeitsbereich auf dem Land Internet verfügabr ist. In vielen ländlichen Gegenden gibt es nicht mal das! Das Wendland ist keine Großstadtregion, sondern relativ arm, ohne Infrastruktur und nicht von wirtschaftlichem Interesse. Also wird dort auch demnächst niemand schnelle Leitungen verlegen, oder flächendeckend Funkmasten bauen.
    Wie soll da vernünftig getwittert, hochgeladen, gar vom Handy gestreamt werden? Nicht mal für Downstream reicht es an vielen Orten.

    Was für halbwegs taugliches Web2.0 im Wendland nötig wäre:
    Freifunknetze in den Orten (zumindest während der Proteste), die einzelnen Handys den Empfang zumindest von Text-Internet ermöglichen. Plus einige privilegierte Kanäle für aktive Streamer und Freifunk-Weiterverteiler.
    Dazu eventuell Funkstrecken für entfernte Gebiete: also Camps und Straßenblockaden (von Waldgebieten braucht man nicht mal träumen), so dass auch dort W-Lan vorhanden ist.

    Das alles kostet schon in der Stadt ne Menge Sachverstand, Technik und Aufwand und vor allem GELD.
    Im strukturschwachen Wendland, wo junge Menschen abwandern (also es an Techniksachverständigen eher mangelt) und Nerds/Geeks/whatever wegen fehlendem DSL gar nicht erst wachsen wird das schwierig zu realisieren.

    Aber vielleicht beschließt ja mal der CCC ne Abordung zu schicken, die ein Pilotprojekt mit einfachsten Mitteln aufbaut und vor Ort Admins schult, die das ausbauen und am Leben erhalten. Dann kommt auch der Protest 2.0 ins Internet.

    So lange gilt: das Feeling muss vor Ort genossen werden! :-)

  4. Ines says:

    Ich bin stolz auf die vielen Demonstranten, die gegen die Atomkraft sind und bewusst die Castortransporte verhindern wollen. Die europäischen Regierungen sind ja selbst schuld, wenn sie preisgeben, wo und wann die Transporte erfolgen.

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